Dienstag, 22. Mai 2012

Praxisgebühr: Flatrate oder Steuerungsinstrument?


Die Praxisgebühr wurde mit dem Krankenversicherungs-Modernisierungs-Gesetz ab 2004 eingeführt. Seitdem zahlt jeder, der einen Arzt, Zahnarzt, Psychotherapeuten oder den Notdienst zur Behandlung aufsucht, einmal im Quartal 10 Euro. Vordergründig wurde die Praxisgebühr erfunden, um die Eigenverantwortung der Versicherten zu stärken, damit sie nicht bei jeder Bagatelle zum Arzt rennen. In Wirklichkeit erhoffte man sich finanzielle Mehreinnahmen von etwa 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Und tatsächlich bringt die Praxisgebühr etwa 2 Milliarden Euro im Jahr, wenn man Härtefälle, Zahlungsausfälle und Verwaltungskosten berücksichtigt. Die Gebühr wird mit dem Honorar verrechnet, das zum Quartalsende  abgerechnet wird. Sie ist also eine Art Honorar-Vorschuss.

2003 gab es durchschnittlich rund 18 Arztkontakte je gesetzlich Versichertem.

2004 waren es etwas mehr als 16 Arztkontakte. Ein deutlicher Rückgang, aber vor allem durch Vorzieh-Effekte verursacht. Wer regelmäßig Medikamente brauchte und wusste, dass 2004 die Praxisgebühr zu zahlen war, holte sich Ende 2003 noch schnell das Rezept und die Medikamente für mindestens ein Quartal 2004. Dadurch stiegen die Arztkontakte im vierten Quartal 2003 stark an und verminderten sich entsprechend in den ersten beiden Quartalen 2004.

In der Folgezeit stiegen die Arztkontakte wieder. Von knapp 17 im Jahr 2005 über diverse Schwankungen bis knapp 18 im Jahr 2010. Manche "Experten" behaupten sogar, die Patienten betrachten die Praxisgebühr mittlerweile als Quartals-Flatrate: Einmal bezahlt, unbegrenzt zum Arzt. Jedenfalls sind wir  wieder da, wo wir vor der Einführung der Praxisgebühr waren und können konstatieren: Einen echten Steuerungseffekt gab es nie, nur einen kurzzeitigen Vorzieheffekt. Aber: Die Praxisgebühr bringt Jahr für Jahr etwa 2 Milliarden Mehreinnahmen für die GKV.

Auf die 2 Milliarden Praxisgebühr jährlich könnte man  verzichten, wenn man den Versprechen der Politiker trauen dürfte. Man hat ja reichlich Überschüsse im Gesundheitsfonds und Rücklagen bei den Krankenkassen. Dann müsste aber die Reserve im Gesundheitsfonds unangetastet bleiben, der Staatszuschuss dürfte nicht gekürzt werden und die Krankenkassen dürfen nicht zur Prämienauszahlung gezwungen werden. Denn - siehe meinen vorherigen Blog - mehr als 2 Milliarden sollte man den Gesundheitspolitikern nicht als Spielgeld überlassen. Ist es mehr, gibt es folgende Risiken und Nebenwirkungen: Gesundheitspolitiker gefährden die Krankenversicherung ihrer Wähler.

Übrigens: Jüngere Männern gehen rund 8 x im Jahr zum Arzt, jüngere Frauen rund 15 x.
Betagte beiderlei Geschlechts (?) haben rund 35 Arztkontakte pro Jahr.

Freitag, 18. Mai 2012

Krankenkassen-Überschüsse? Die Beiträge reichen nicht!

"Die Krankenkassen" haben Überschüsse? Ende des Jahres 2011 waren mehr als 11 Milliarden Euro übriggeblieben. Davon hatte der Staat als Bundeszuschuss 15 Milliarden dazugegeben. 11-15=Überschuss? http://goo.gl/3s8nR

Der Gesundheitsfonds erhielt aus Steuermitteln zwei Milliarden Euro zusätzlich. Das Geld sollte in die Liquiditätsreserve des Gesundheitsfonds fließen und dazu dienen, einen eventuell notwendigen Sozialausgleich im Fall von Zusatzbeiträgen bis Ende 2014 zu finanzieren (Bundestagsdrucksache 680/10)

Überschuss? Von wegen. Die Beiträge reichen nicht! Es haben alleine im Jahr 2011 mindestens 4 Milliarden Euro gefehlt. Sonst wäre nämlich der gesamte Bundeszuschuss übrig geblieben, also 15 Milliarden Euro.

Anstatt - wie noch im November 2010 geplant - für die Zeit ab 2014 vorzusorgen, sollen nun die Gelder als Prämien an die Mitglieder verteilt werden, meinen Politiker. Das sind aber gar keine Beitrags-Überschüsse! Denn, wie gesagt: Die Beiträge reichten nicht. Das sind Steuergelder Dafür gedacht, den eventuell notwendigen Sozialausgleich ab 2014 zu finanzieren.

Wenn Politiker nun glauben, dass sie sich verrechnet haben, sollten sie vielleicht neu rechnen. Falls dabei herauskommt, dass der Bundeszuschuss für die Krankenkassen zu hoch ist, können sie ihn ja kürzen - vielleicht um 2 Milliarden Euro im Jahr. Mal so testweise. Aber nicht 11 Milliarden auf einmal verfrühstücken. Hinterher könnte nämlich herauskommen, dass sie sich schon wieder verrechnet haben. Dann stehlen sich die Politiker aus der Verantwortung und die Beitragszahler sind die Dummen, denn sie müssen dann Zusatzbeiträge zahlen, um die von den Politikern verursachten Löcher zu stopfen.